Wie aktuell mit Statistik gelogen wird
Die wahrscheinlich dem Zwickauer-Nazi-Trio zuzurechnende Mordserie führt in den Medien zu einer irren Panikmache. Springers „Welt“ machte am Sonntag mit einer Titelseite auf, als sei sie die „Junge Welt“: 182 Todesopfer rechter Gewalt. Die offizielle Opferzahl ist mit 47 viel zu niedrig angegeben.“ Gemeint sind die Tötungsdelikte seit 1990.
Bevor ich im einzelnen zu der Berechnung komme, vielleicht mal ganz generell: Jeder, der sich im wirklichen Leben (und nicht nur in der Internet-Scheinwelt) bewegt, kann feststellen, dass Deutschland heute viel mehr Multikulti ist als vor 20 Jahren. Das ganze Gerede von einem riesigen rassistischen Untergrund, der hetzt und schlägt und mordet, ist völliger Unsinn. Selbst die Mordserio des Zwickauer Trios spricht für diese These: Diese Zelle war unter strengster Konspiration abgeschottet von der Gesellschaft, weil sie nicht auf Billigung von anderen hoffen durften. Während man bei der RAF von tausenden „Sympathisanten“ ausgehen konnte und etwa bei der Beerdigung von Ulrike Meinhof 10.000 Menschen waren, treffen die „Döner-Morde“ selbst bei den Rechtsradikalen auf Abscheu. Der neue NPD-Chef Apfel sagte z.B., es dürfe keinerlei „Mescalero-Freude“ über die Taten geben – in Anspielung auf die Äußerung „klammheimlicher Freude“ über die RAF-Morde in einem Göttinger Studentenflugblatt 1978. Als die Staatsanwaltschaft damals gegen die Mescaleros vorgehen wollte, gab es eine breite Solidarisierungswelle, die die Organisation, der ich damals angehörte, nämlich der Kommunistische Bund (KB) mitorganisierte … Damals war übrigens Jürgen Trittin Führungsmitglied im KB Göttingen …
Aber zurück zur WamS-Statistik. Nehmen wir mal an, die antifa-Zählung von den 182 Opfern rechter Gewalt seit 1990 stimmt, und die Zahl des Bundesinnenministeriums ist mit 47 tatsächlich viel zu niedrig. Selbst dann ergibt sich, dass die Tötungsdelikte in den letzten zehn Jahren gottlob dramatisch zurückgegangen sind. In dieser Statistik sind es nämlich seit Jahresbeginn 2002 nur 42(darunter die zehn Morde der Zwickauer) im Vergleich zu 140 in der vorherigen Periode. Besonders dramatisch ist der Rückgang in den letzten drei Jahren mit 1 Totschlag/Mord 2009 sowie 2011 und 2 Fällen 2010. Ich betone: Jeder Mord ist einer zu viel. Keine dieser Bluttaten ist auch nur im mindesten zu rechtfertigen. Dennoch muss man den Trend beachten, um einen realistischen Blick auf die „Lage der Nation“ zu haben.
Darüberhinaus gibt es zwei methodische Probleme mit solchen Statistiken. Zum einen: Nicht jeder Mord eines Nazis ist ein Nazi-Mord. So gibt es aktuell Anzeichen, dass der Mord an der Poliziistin in Heilbronn eine Beziehumngstat war. Dann müsste man aber auch Tötungsdelikte, wo ein Linker seine Freundin erschlägt, als „Gewalt von links“ rechnen.
Zum anderen fehlen statistische Vergleichswerte für Morde, die aus Deutschenfeindlichkeit begangen werden. In der Öffentlichkeit gibt es eine assymetrische Bewertung: Bei jeder Bluttat gegenüber einem Menschen „mit Migrationshintergrund“ wird ein rassistisches Motiv vermutet; bei einem vergleichbaren Delikt, wo ein Deutscher das Opfer und ein Migrant der Täter ist, nimmt man aber als Motiv allgemeine Jugenddelinquenz an oder führt sogar entlastend „soziale Schieflagen“ ins Feld. Dabei liegt bei einigen Totschlagsdelikten in der U-Bahn in den letzten Jahren – ich erinnere an letzten April im Berliner Bahnhof Lichtenberg – eindeutig ein Hass auf die „Scheiss-Deutschen“ vor.
Zu einer fairen Bewertung wird man nur kommen, wenn man eine Doppelstatistik erhebt: Rechte/rassistische Gewalt an „anderen“ einerseits und Migrantengewalt an Deutschen andererseits.
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